Die "Blumeninsel" Eifel
Hier blühen echte Schätze
Interview mit Susanne Lipps und Oliver Breda, zwei Kennern der Pflanzenwelt der Eifel

TEXT: ANGELIKA KOCH | FOTOS: LIPPS BREDA VERLAG
Die Eifel ist ein ganz besonderes Paradies für seltene Pflanzen. Ihre Vielfalt ist einzigartig, denn Böden und Klima ermöglichen es, dass in dieser Landschaft atlantische, submediterrane und alpine Gewächse oder sogar eiszeitliche Relikte gedeihen.
Die Geografin und Botanikerin Susanne Lipps und der Verleger Oliver Breda bereisten die Eifel, um einen reich bebilderten botanischen Reiseführer zu machen: “Die Eifel - Was hier alles wächst!” Lesen, staunen und die Standorte wandernd erkunden wird dringend empfohlen, gerade im Frühjahr. Wir sprachen mit Susanne Lipps und Oliver Breda über ihre Erlebnisse.
Sie sind beide in vielen Ländern als Reiseleiter aktiv und machen auf die botanischen Schätze aufmerksam. Wie kamen Sie zu einem Buchprojekt über die Eifel?
Breda: Uns fasziniert insbesondere die atlantische Pflanzenwelt, vor allem auf der Blumeninsel Madeira. Als es während der Pandemie keine Reisen dorthin geben konnte, haben wir uns in Deutschland umgesehen. Und wir entdeckten zu unserer eigenen Überraschung, dass es die Eifel in Sachen Pflanzenvielfalt mit Madeira aufnehmen kann. Es ist eine tolle Landschaft, hier treffen die unterschiedlichsten Arten aufeinander, was man so sonst nirgendwo in Deutschland findet. Es zahlt sich aus, dass die Eifel im Vergleich zu anderen Mittelgebirgen verhältnismäßig weniger menschlichen Einflüssen ausgesetzt war.
Ihr Buch ist sehr detailreich und informativ. Wie sind Sie vorgegangen, um derart viele Facetten darzustellen?
Lipps: Für die Recherche sind wir mehrmals pro Woche in die Eifel gefahren, um die verschiedenen Vegetationsphasen abzudecken und die Standorte der verschiedenen Pflanzen aufzuspüren. Wir haben wohl fast alle Naturschutzgebiete der Eifel durchforscht. Es war eine sehr intensive Puzzlearbeit. Das ging nicht ohne botanisches Fachwissen und Erfahrung, wann was wachsen kann. Außerdem kam mir mein geologisches Wissen zugute, denn die Pflanzen brauchen jeweils bestimmte Böden und Nährstoffe, um zu gedeihen und stabile Populationen zu bilden.
Breda: Meine Frau ist ja die versierte Botanikerin und hat die Standorte gefunden. Ich habe die Fotos gemacht und das Buch verlegt. Es ist echte Teamarbeit, denn Suchen und Fotografieren gleichzeitig geht nicht. Gerade das Fotografieren war eine Herausforderung. Bei bodennahen Blüten musste ich schon mal im Schlamm liegen, um gute Nahaufnahmen zu bekommen. Ich musste sehr genau hinschauen. Am Ende siegte das ‚Jagdfieber‘. Es hat ungemein viel Spaß gemacht, wir beide haben regelrecht in den Flow gefunden. Das Buch ist eine Art Schulung, auf die Pflanzen zu achten. Denn wer als Laie einfach so drauflosgeht und erwartet, seltene Pflanzen zu entdecken, wird in der Regel enttäuscht und sieht nur Grün. Man muss den Blick vorher schon geschärft haben, um die Schätze wirklich wahrzunehmen.
Gibt es Pflanzen in der Eifel, die Sie besonders faszinieren? Oder haben Sie Lieblingsblumen gefunden?
Lipps: Dass es in der Eifel besonders viele Orchideenarten gibt, ist bekannt. Der Bienenragwurz ist spektakulär. Allerdings blühen die Orchideen und andere Pflanzen an ihren Standorten nicht jedes Jahr, es hängt vom Wetter ab und es braucht also etwas Glück, um beim Wandern alle Arten zu finden. Der Enzian, den man normalerweise in den Alpen findet, war für uns eine Überraschung. Er ist mit sechs Arten in der Eifel vertreten und blüht im Sommer, etwa am Kalvarienberg. Auch der extrem seltene Schnabelsenf, der Echte Seidelbast oder die Färberscharte sind zu finden. Die Küchenschelle mit ihren violetten Blüten ist so wunderschön, dass wir sie als Coverfoto für das Buch ausgewählt haben.
Welche Eifelregionen sind aus Ihrer Sicht besonders attraktiv und artenreich, wenn man seltene Pflanzen sehen will?
Lipps: Die Kalkböden in der nördlichen Eifel sind generell besonders vielfältig. Die Schönecker Schweiz, das Lampertstal bei Blankenheim oder das Gillesbachtal bei Marmagen sind ab April gute Ausflugsziele für Naturliebhaber. In vulkanischen Gebieten wachsen ganz andere Arten, vor allem in den verlandenden Maaren. Da lohnt der Besuch ab Sommer. Im Hohen Venn gedeihen Moorlilien oder Moosbeeren und der unscheinbare, aber wertvolle Sonnentau.
Breda: Es sind ja nicht nur die einzelnen Pflanzenarten, die faszinieren, sondern das ganze Ambiente. Die Heiden und Magerrasen beispielsweise wirken auf mich richtig heimelig und geradezu märchenhaft. Außerdem finden sich an solchen Standorten nicht nur bestimmte Arten, sondern es gibt richtige Netzwerke… wo Orchideen wachsen, gibt es oft auch Akelei oder Wiesensalbei.
Welche Pflanzen charakterisieren insbesondere jetzt den Eifelfrühling? Wo kann man sie bewundern und erleben?
Breda: Einzigartig in Deutschland sind die wilden Narzissen in einigen Tälern der westlichen Eifel, etwa im Perlenbachtal. Dahin gibt es ausgewiesene Wanderrouten, die auf jeden Fall empfehlenswert sind. Denn solche Auen voll wilder Narzissen gibt es sonst nirgendwo. Die Wildformen kultivierter Pflanzen haben ihre ganz eigene Schönheit, wie man an dem Beispiel sehen kann.
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Was wünschen Sie für die Zukunft der Pflanzenwelt in der Eifel? Gibt es besondere Schutzprojekte, die wichtig sind?
Lipps: Die Pflanzenvielfalt muss auf jeden Fall geschützt werden. Dafür sind nicht nur besondere Projekte Ausschlag gebend, sondern jeder Gartenbesitzer kann etwas tun. Naturnahe Gärten, in denen heimische Arten auch etwas ‚verwildern‘ dürfen, können zu wichtigen Trittsteinbiotopen werden. Solche Gärten unterstützen die genetische Vielfalt. Denn beispielsweise die Arnika, eigentlich eine typische einheimische Pflanze, vermehrt sich nicht mehr, weil sie nur noch an isolierten Standorten vorkommt und genetisch verarmt. Aber mit Naturgärten können Insekten, Vögel oder der Wind dafür sorgen, dass die wilden Vorkommen wieder aufgefrischt werden. Natürlich sollte auch die Landwirtschaft die Chancen des Vertragsnaturschutzes nutzen.