Mythen und Sagen, Kelten und Römer
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Kraftorte in der Eifel


Wo die Eifel voll mystischer Energien ist

Viele Menschen haben Sehnsucht nach einer Spiritualität, die sie mit der ursprünglichen Natur verbindet. Es geht um Achtsamkeit und das Bewusstsein, wieder ganz „geerdet“ zu sein. Die Eifel ist voll von Orten, an denen sich dieses Gefühl des Eins-seins mit der Schöpfung einstellt. Die Autorin, Musikerin und Fotografin Regine Brühl findet sie und lässt sich von ihnen inspirieren.

TEXT: ANGELIKA KOCH | FOTOS: REGINE BRÜHL, JOSEF GASPERS


„Kraftorte – das sind oft Klöster, alte Kirchen, Kapellen, Berggipfel, alte Bäume, Wasserfälle, Quellen, Wallfahrtsorte und Pilgerwege. An ihnen scheint die Zeit stillzustehen oder nicht zu existieren“, schreibt Regine Brühl in ihrem Buch „Kraftorte der Eifel – 50 magische und mystische Stätten voller Energie“. Darin porträtiert sie mit Fotos und emotional starken Beschreibungen Orte in der gesamten Eifel. Jeden einzelnen hat sie selbst ausgewählt und sich intensiv auf ihn eingelassen – 

keine schnellen Stippvisiten, sondern Einfühlsamkeit, die ihre Zeit braucht. 

Wenn die Autorin ihre Google-Maps-Karte öffnet, offenbaren sich sogar vierhundert dieser Kraftorte in der Eifel, die sie erkundet hat und auf sich wirken ließ. Wie kommt sie zu einer solchen Fülle?

„In der Tat nehme ich Google-Maps als erste Orientierung, um zu schauen, wo es vielleicht etwas zu entdecken gibt“, schildert sie ihr Vorgehen. „Dann fahre ich hin. Oft finde ich etwas Magisches. Manchmal jedoch ist es auch enttäuschend, manchmal haben aktuelle und moderne Einwirkungen zerstört, was früher sicher bezaubernd war.“ Die Kraftorte, die sie am Ende mit einem Herz markiert, und erst recht jene, die sie mit Text und Fotos würdigt, sind ganz verschieden: Mal ist es eine besondere Felsformation oder ein anderes Naturwunder, mal ein Zeugnis keltischen oder christlichen Glaubens, mal eine Höhle oder ein verborgener Teich. Doch sie haben gemeinsam, dass hier eine außergewöhnliche Energie spürbar ist für alle, die ihre Sinne öffnen. 

Mit Esoterik habe das nichts zu tun, 

sagt Regine Brühl, sondern es seien Erfahrungen, die jede und jeder machen kann. 

Sie selbst erlebte ihre „Initialzündung“ für Kraftorte auf einer geführten Gruppenreise in Cornwall. In einem der dortigen Steinkreise erhielten alle Teilnehmenden kupferhaltige Stäbe, mit denen sie den Kreis durchschritten. Bei ausnahmslos allen – ganz gleich ob skeptisch oder spirituell interessiert – bewegten sich die Stäbe in der Kreismitte auf dieselbe Weise und zeigten an, dass an jener Stelle im Boden eine magnetische Anomalie existiert, welche den Kelten bereits bekannt war und wohl den Ausschlag für die Errichtung des Steinkreises an dieser Stelle gab. An allen Eifeler Kraftorten macht Brühl dieselbe Erfahrung: Hier gibt es etwas Atmosphärisches, das zwar nicht sichtbar, aber als Besonderheit spürbar ist. „Es ist eine Frage der Sensibilität, ob ich es wahrnehme oder nicht.“ 

Regine Brühl fängt in ihren Aufnahmen die stille Magie der Kraftorte ein: die eigenwillige Süntelbuche, das Hohe Venn und der sagenumwobene Arnulphusberg.

Diese Sensibilität wecken auch ihre Wandertouren zu Kraftorten in der Eifel, die sie – überwiegend in Kooperation mit der Katholischen Erwachsenenbildung KEB oder auf Anfrage mit verschiedenen Tourist-Infos der Region – seit 2020 anbietet. „Es kommen auch Menschen, die zuvor die Landschaft nie auf eine solche Weise betrachtet haben. Sie erleben nicht nur die besonderen Orte der Eifel neu, sondern oft auch sich selbst“, schildert sie die Offenheit für eine sinnlichere Wahrnehmung, die an den Stationen der Touren geschehen kann. „Viele – wie ich selbst – suchen gerade heutzutage echte Erlebnisse und tauchen gern ein in Welten, die vor Jahrhunderten ganz lebendig waren.“ Auch ihr Buch eignet sich als Reiseführer zu den nicht-alltäglichen, bezaubernden und stets etwas geheimnisvollen Stätten der Eifel. Dort geht es nicht um Action, sondern um Achtsamkeit für einzigartige Merkmale der Natur und der Kulturlandschaft. Ermutigt wurde Regine Brühl von Sophie Lange, der wohl versiertesten Heimatkundlerin in Sachen Eifel und insbesondere Frauenleben in der Eifel. Sie steuerte kurz vor ihrem Tod auch das Vorwort zum Buch bei.




Regine Brühl - Kraftorte der Eifel

Drei Orte, drei Blickwinkel, drei persönliche Geschichten: Fotografin Regine Brühl nimmt uns mit auf eine sehr persönliche Reise zu ihren Kraftorten. In Bild und Wort – ausgewählt aus ihrem Buch – erzählt sie von Momenten der Einkehr, stillen Landschaften und besondere Lichtstimmungen .

 

Arnulphusberg 

Ein außergewöhnlicher Kraftort ist der Arnulphusberg, auch Arensberg genannt, der in der Nähe von Walsdorf-Zilsdorf in der Vulkaneifel liegt.

Durchläuft man die Vulkanwand durch den am 25.10.1925, also vor genau 100 Jahren, gegrabenen Tunnelgang, ragen vor dem Besucher schroffe Felswände empor. Hier haben zwei Vulkanausbrüche vor 32 und 24 Millionen Jahren den Berg entstehen lassen. Der tiefe Trichter, in dem ich nun stehe, ist jedoch durch Menschenhand im 19. Jahrhundert entstanden, als die Basaltkuppe abgetragen wurde.

1929 entdeckte man in der Ruine der ehemaligen Arnulphuskirche eine 11 cm hohe Bronzestatue, die sich als Abbild des römischen Gottes Lenus Mars aus dem 2. Jahrhundert herausstellte. Diese und die Reste eines Gutshofes lassen darauf schließen, dass hier einstmals ein heiliger Berg und eine Kult- und Wallfahrtsstätte gelegen haben. Auch Mauerreste einer Befestigungsanlage aus der Römerzeit wurden bei einer Grabung entdeckt. 

 Als ich im Frühjahr eine große Gruppe auf einer Bustour zu drei Kraftorten führte, suchten wir auch diesen Ort auf, der wirklich jeden Mitreisenden faszinierte. 

Alle Gäste liefen nach meinem kurzen Vortrag über die uralte Geschichte dieses Ort hinab in das aus Basaltsteinen angelegte Labyrinth. Als einer der Gäste wieder hinauf zu mir kam, blieb er einige Momente mit geschlossenen Augen neben mir stehen. Dann öffnete er diese und sagte: "Das ist ein solch wunderbarer Ort, ich habe, seit wir aus dem Bus gestiegen sind, eine Melodie im Kopf. Ich habe lange nicht komponiert, aber ich denke, dass ich mich heute Abend ans Klavier setzen werde.... Der Ort hat mich sofort inspiriert."

Natürlich war ich begeistert und bat den Musiker, später die Aufnahme seiner Komposition mit mir zu teilen. 

Ich erhielt bereits am Abend, als ich nach Hause kam, einen Mitschnitt seiner achtminütigen Improvisation, aus deren Klängen ich heraushören konnte, wie er den Weg hinauf, durch den Stollen, hinab ins Labyrinth und wieder hinauf zu mir nahm. 

Es entstanden an diesem Tag sehr viele neue Pläne und Projekte, die durch Ideen der Mitfahrenden angeregt wurden. Der Arnulphusberg regt an, sich mit seinem Inneren zu beschäftigen und die Visonen zu leben, die viel zu selten ausgelebt werden.


Hohes Venn

Das Hohe Venn mit allen Sinnen zu erleben erzeugt Glücksgefühle.

Es ist ein Ort, der mich in eine andere, zauberhafte Welt eintauchen lässt. Nur etwa eine Stunde von meinem Heimatort entfernt verbringe ich dort oft Zeit beim Wandern und Fotografieren.

Seit etwa 30 Jahren liebe ich das Hochmoor. Einmal jedoch erlebte ich etwas ganz Besonderes.

An einem kalten Wintertag lief ich durchs Brackvenn, das kurz hinter Mützenich und gerade eben in Belgien liegt. Die Holzbohlen und der darauf liegende Schnee knarzten und knirschten unter meinen Wanderschuhen, außer meinem Atem und dem leise einsetzenden Wind war nichts zu hören. Die Tannen waren vom Schnee ganz eingezuckert. Ein Wintermärchen, dachte ich. Allmählich kämpfte sich die Sonne durch die Wolken und erhellte den Wald. 

Plötzlich erleuchtete ein Sonnenstrahl die Bäume direkt vor mir. Der Wind fegte durchs Geäst und wehte für ein paar Sekunden den weißen Puderzucker herunter. Der herabrieselnde Schnee tänzelte im Licht - ein kleiner Waldgeist erschien und winkte mir zu. 

Zauber des Venns! Gerade noch rechtzeitig drückte ich auf den Auslöser meiner Kamera und hielt diesen Moment fest.


Süntelbuche

Erleuchtung unter dem Zauberbaum 

An einem tristen Herbsttag fuhr ich zum ersten Mal zur Süntelbuche, dem Baum, von dem ich schon so oft gehört hatte.

Ich näherte mich dem Baumwesen bei starker Bewölkung und es erschien mir ein wenig wie ein großes, schlafendes Tier.

Durch seine bis auf den Boden herabhängenden Äste erinnert die Süntelbuche ein wenig an eine Trauerweide, jedoch strahlt sie Kraft und Stolz aus. Durch eine Öffnung zwischen den Ästen gelangte ich zum dicken Stamm und ihren knorrigen Wurzeln, auf denen ich mich niederließ. Ein Gefühl von Geborgenheit umfing mich unter dem "Mantel" des Baumes. Mein Blick glitt hinauf ins Geäst - knorrige, gedrehte, in Windungen wachsende Äste - ich konnte mir sofort vorstellen, warum die Menschen ihn früher Hexenbaum oder Deuwelsholz (Teufelsholz) genannt haben. 

Die Farbenvielfalt der durch den Herbst gefärbten Blätter beeindruckte mich und ich dachte: "Wenn jetzt die Sonne scheinen würde - dann sähe dieser Baum aus wie eine Tiffany-Lampe und würde in allen Farben leuchten..."

Es dauerte 10 oder 20 Sekunden, als ich wahrnahm, dass es plötzlich hell wurde und die Sonne wohl eine kleine Wolkenlücke gefunden hatte. Um mich herum erleuchtete sie das Laub und versetzte mich in großes Staunen. Ich war inmitten dieser Farbexplosion - ein Anblick wie in einer gotischen Kathedrale mit bunten Kirchenfenstern!

Einige gute Aufnahmen gelangen mir, aber den Moment werde ich bis ans Lebensende nicht vergessen  - auch ohne die Fotografien.


 




ZUR PERSON:

Regine Brühl arbeitet hauptberuflich als Schulsekretärin und Fachkraft für musikalische Früherziehung an der Musikschule des Landkreises Vulkaneifel. Ihr großes Interesse an historischen Stoffen und ihre akribischen Recherchen in Archiven flossen auch in ihre Kriminalromane („Fachwerkmord“ und „Das Geheimnis der klingenden Messer“ beide im Rhein-Mosel-Verlag) ein. Gemeinsam mit Stephan Falk schrieb sie den Roman „Kreideherz“ (Eifeler Literaturverlag) als Coming-of-age-Geschichte der 1980er Jahre. Regine Brühl führt darüber hinaus als “Seifensiederin Katharina Greven” Kinder nach dem Motto “Mittelalter mit allen Sinnen erleben” durch Bad Münstereifel. 






Tauche ein, in die Geschichten und Weisheiten der Eifel

In der Landschaft verborgene Schätze erzählen von vergangenen Zeiten. Erfahre, wie die Menschen hier gelebt und welche Bedeutung bestimmte Orte und Begebenheiten für sie hatten. Folge den Geschichten, die dich begleiten. 




ReisEtipP

Atempause inmitten von Feuer, Wasser und Stille

Diese Wanderreise durch die Vulkaneifel lädt ein, das Ursprüngliche zu spüren: auf Pfaden, die den Block weiten, den Atem ruhiger werden lassen - und das Tempo des Alltags vergessen machen.